Burkina Faso: Der Herrscher ist verjagt. Sein System ist noch da. Jetzt versuchen die Jungen, ihre Revolution zu retten

von Ulrich Ladurner DIE ZEIT Nº 16/2015 3. Mai 2015

Als Serge Bayala einen Metalltisch besteigt, geht gerade einer dieser heißen, kraftraubenden Tage zu Ende, wie sie in Burkina Faso für die letzten Märztage typisch sind. Die Nacht schreitet jetzt mit schnellen Schritten voran. Die Luft kühlt sich ab. Aus der Kantine der Cité Universitaire dringt blasses Neonlicht auf den Vorplatz, wo Dutzende Studenten in losen Gruppen herumstehen. Tuscheln und Lachen sind zu hören. Es ist die Stunde der Erholung.

Serge Bayala schaut auf das Gewimmel zu seinen Füßen, neben ihm seine Kommilitonen. Sie stehen stramm da, als wären sie Soldaten und nicht Studenten. Der Kamerad zu Serges Rechten reckt die Faust und ruft laut:

Dann beginnt Serge Bayala zu sprechen. Es dauert nicht lange, und eine dichte Menge drängt sich um den Tisch, denn der Studentenführer Serge Bayala ist ein guter Redner. Er klagt über das schlechte Essen in der Kantine der Universität, er berichtet von Milch mit abgelaufenem Datum, er spricht über krankmachende Lebensmittel. Das alles tut er mit Sachkenntnis, mit Witz und Leidenschaft. Er kennt das Geheimnis guter Rhetoriker: Willst du eine große Sache illustrieren, benutze viele Details!

Die große Sache, von der er spricht, das ist das Schicksal einer afrikanischen Revolution. Sie fand ausgerechnet in Burkina Faso statt, diesem kleinen, bitterarmen Staat Westafrikas, den kaum jemand kennt und von dem niemand viel erwartet.

Serge Bayala und seine Kameraden waren ganz vorne mit dabei, als im Oktober 2014 die Menschen auf die Straße strömten, um gegen Blaise Compaoré zu demonstrieren, der seit 27 Jahren an der Macht war. Die Polizei versuchte, die Menschenmenge zurückzudrängen, mit Schlägen, Wasserwerfern und mit scharfer Munition. 25 Demonstranten starben in jenen Oktobertagen. Doch auch die Gewalt konnte Compaoré nicht mehr retten. Das Volk wollte seinen Herrscher nicht mehr, die jungen Menschen hatten genug von ihm. Über die Hälfte der Bevölkerung von Burkina Faso ist heute zwischen 14 und 25 Jahre alt, über die Hälfte der 13 Millionen Einwohner ist während der Präsidentschaft von Blaise Compaoré geboren. Ihr ganzes Leben lang hatten sie nur einen Mann an der Spitze des Staates: Blaise!, wie sie ihn hier alle nennen.

Langzeitherrscher sind in Afrika nichts Ungewöhnliches. In Angola regiert José Eduardo dos Santos seit 35 Jahren, in Äquatorialguinea ist Teodoro Obiang ebenfalls seit 35 Jahren an der Macht, in Simbabwe herrscht Robert Mugabe seit 34 Jahren, in Kamerun Paul Biya seit 32 Jahren, in Uganda Yoweri Museveni seit 27 Jahren, im Tschad Idriss Déby seit 29 Jahren. Die Liste ließe sich fortsetzen. Sie allein aber macht schon deutlich, dass der Sturz Compaorés weit über Burkina Faso hinaus eine Bedeutung hat.

Ein Land, noch immer in den Fängen einer korrupten Elite

Als Blaise fiel, da ging ein Zittern durch viele Hauptstädte Afrikas. Könnte Burkina Faso ein Modell sein? Könnte auch in anderen Ländern eine politisierte, in die Zukunft drängende Jugend ihre Herrscher vom Throne stoßen? Könnte Burkina Faso so etwas wie ein Tunesien Afrikas werden, in dem nach dem Sturz der Autokratie die Demokratie Einzug hält? Oder könnte es zu einem Ägypten werden, in dem die Konterrevolution siegt und das alte Regime im Kern intakt bleibt?

Die Skandale und Skandälchen, von denen Serge Bayala an diesem Abend in der Cité Universitaire spricht, dienen ihm dazu, die Geschichte seiner Heimat Burkina Faso zu erzählen, die sich auch heute noch in den Fängen einer korrupten Elite befinde, die erstickt werde von der grenzenlosen Gier einiger weniger. Serge warnt vor den Seilschaften, die nicht abließen von der Macht. Die Errungenschaften der Revolution, so sieht er das, seien in Gefahr.

Hat sich also nichts geändert? „Blaise ist weg„, sagt Serge Bayala, „aber das System ist noch da!“

Burkina Faso wird derzeit von einem „Nationalen Rat der Transition“ regiert. Am 21. Oktober soll die erste Etappe des Übergangs einen Abschluss finden, dann wählen die Burkinabe ein neues Parlament. „Transition“ – das ist eine Zeit, in der unterschiedliche Kräfte auf offener Bühne miteinander ringen und versuchen, der Zukunft eine Gestalt zu geben.

In Burkina Faso ist allein die riesige Masse junger Menschen ein Machtfaktor, die überbordende Lebensenergie einer Jugend, die einen Autokraten hinweggefegt hat, weil er ihr keine Möglichkeit bot, sich zu entfalten, kaum Chancen auf Arbeit gab, auf Bildung, auf Mitbestimmung. Es ist eine äußerst selbstbewusste, sehr wachsame Jugend, die voller Erwartungen ist – und die sich abwenden könnte, wenn sie enttäuscht wird, um in der Fremde ihr Glück zu versuchen. Wer allerdings einen Autokraten stürzt, der weiß, dass „alles möglich ist„, wie es Serge Bayala ausdrückt. Das Volk der Burkinabe hat die Tür zu seiner Zukunft aufgestoßen, das Volk möchte jetzt auch bestimmen, wie diese Zukunft aussieht. „Wir müssen auf uns selbst vertrauen, auf unsere Kräfte!„, sagt Serge Bayala, „Niemand sonst wird uns helfen. Das hat uns Thomas Sankara gelehrt!“

Damit ist der Name jenes Mannes gefallen, der für Zehntausende junger Burkinabe eine spirituelle Vaterfigur ist. Sein Grab liegt wenige Kilometer vom historischen Stadtzentrum entfernt, auf einem unscheinbaren, staubigen Friedhof.

Noe..l Isidore Thomas Sankara
15. 10. 1987 – 15. 10. 2014
27ème Anniversaire
in Memoriam
Président du Faso
Chef de l’État

Jedes Jahr am 15. Oktober wird der Schriftzug auf dem Grabstein erneuert, jedes Jahr wird dieses Grab mit frischen Farben gestrichen. Es ist, als sei Oberst Sankara erst gestern gestorben und nicht vor mehr als 27 Jahren. Sankara wurde zusammen mit zwölf seiner Männer in der Radiostation von Ouagadougou erschossen. Auch sie sind hier begraben. Sie liegen in einer Linie hinter ihrem Kommandanten. Die Mörder dieser Männer sind bis heute nicht bekannt. Es ist ein Verbrechen ohne Täter geblieben.

Oberst Thomas Sankara war 1983 durch eine Revolution an die Macht gekommen. Sein linksgerichtetes Regime reformierte das Land tiefgreifend. Wohnungsbau, Alphabetisierung, Investitionen in das Gesundheits- und Bildungswesen, umfassende Reformen in der Landwirtschaft. Sankara tat in sehr kurzer Zeit sehr viel Gutes für seine Heimat. Er wollte auch die Verbindungen zum „imperialistischen“ Ausland kappen, besonders zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Um das zu verdeutlichen, benannte er den Staat, der damals noch Obervolta hieß, in Burkina Faso um.

Der Name ist Programm. Burkina Faso bedeutet „Land der Ehrenwerten„. Der Kampf gegen Korruption war eines der zentralen Anliegen Sankaras. Aus all diesen Gründen nennt man ihn auch den „Che Guevara Afrikas„. Sankaras Politik, sein Charisma, seine Rednergabe beunruhigten viele, die ihm die Macht neideten und fürchteten, seine antiimperialistischer Kurs könnte in Westafrika als Modell wirken. Je länger Sankara regierte, desto mehr aber zeigten sich auch bei ihm die ersten Züge einer sich anbahnenden autoritären Herrschaft. Das Streikrecht wurde aufgehoben, die Gewerkschaften verboten. Das führte zu Widerstand im eigenen Land. Blaise Compaoré, sein Weggefährte, putschte schließlich gegen ihn, mit stillschweigender Zustimmung Frankreichs. Er habe, behauptet Blaise bis heute, nur den Befehl zur Verhaftung gegeben, nichts weiter. Dann aber hätten Sankara und seine Männer das Feuer eröffnet.

Wenn ich getötet werde, dann werden tausend Sankaras auferstehen!“

Es folgte, was folgen musste. Das aufständische Volk will diese Version nicht glauben: „Blaise Assassin„, steht auf vielen Mauern der Hauptstadt gesprüht, „Attentäter Blaise„. Auch der Wille, den Mord an Sankara zu sühnen, hat viele Menschen dazu gebracht, im Oktober letzten Jahres auf die Straßen zu gehen. Es war der Wunsch nach Gerechtigkeit für einen Mann, der bis heute die Herzen der Burkinabe bewegt.

Morgens oder am späten Nachmittag, wenn die Sonne nicht zu stark brennt, finden sich junge Menschen am Grab von Sankara. Jedes Gespräch mit ihnen wird sehr schnell sehr politisch. Es geht um korrupte Eliten, um hohe Lebenshaltungskosten, um unverschämte Neureiche, um mangelnde Bildungschancen, um bittere Armut, es geht auch um das Blut an den Händen des Regimes, das in 27 Jahren immer bereit war, mit grausamer Entschlossenheit seine Pfründen zu verteidigen. Angesichts dieser Geschichte kann man nicht genug darüber staunen, wie frei diese jungen Menschen hier reden. Sie wissen, was sie geleistet haben, und sie haben daher keine Furcht. „Wenn ich getötet werde, dann werden tausend Sankaras auferstehen!“ Das sagte Oberst Sankara kurz vor seinem Tod. Er hat recht behalten.

Wie nun kann die revolutionäre Energie in friedliche Bahnen gelenkt werden, ohne dass die Ansprüche dieses Volkes verraten werden?

Eine Antwort darauf gibt Clément Sawadogo, Generalsekretär der MPP, einer Partei, die gute Aussichten bei den Wahlen im Oktober hat. Die MPP wird von drei Männern geführt, die über viele Jahre mit Compaoré zusammenarbeiteten. Bereits im Januar 2013 überwarfen sie sich mit ihm. Sie gingen in die Opposition. Sie bleiben aber ein Produkt des Systems, das nach dem Sturz des Herrschers nach einer Neujustierung sucht. Clément Sawadogo sagt, er habe Oberst Sankara persönlich gekannt: „Er war ein Mann von starkem Willen, ein Muster an Ehrlichkeit und Integrität. Thomas Sankara ist für alle Afrikaner eine wichtige Persönlichkeit.“ Das Problem aber sei „seine politische Strategie“ gewesen. „Er wollte alles schnell und sofort, ohne zu berücksichtigen, in welcher Gesellschaft er lebte. Das hat zu Unordnung geführt! Er war zu konfrontativ!“

Der Generalsekretär der MPP lobt also den Geist Sankaras und kritisiert die Praxis des Revolutionärs Sankara. Das ist der Weg, den die MPP, diese mit Männern des autokratischen Systems gespickte Partei, offenbar gewählt hat. Sie verbeugt sich vor dem „Esprit“ Sankaras und damit symbolisch vor dem aufständischen Volk, das sie möglichst zahlreich wählen soll. Die Dinge allerdings – das ist die zweite Botschaft – müssen ihre Ordnung haben, einen stabilen Rahmen. Das ist essenziell für Burkina Faso, und es wichtig für die gesamte westafrikanische Region, die von Mali über Nigeria mit Unruhe und Terror zu kämpfen hat.

Ein Palast wie ein Raumschiff

Wie dieser stabile Rahmen für Burkina aussehen könnte, ließ sich in diesen Tagen in „Ouaga 2000“ studieren. Dieser Stadtteil liegt weitab vom historischen Zentrum der Hauptstadt Ouagadougou. Blaise Compaoré wollte hier zeigen, dass Burkina Faso mit ihm in eine helle, bedeutende und moderne Zukunft gehen würde. Die Straßen, die Gebäude, die Monumente, alles ist groß hier, am größten ist der Präsidentenpalast. Hier hat einer bauen lassen, dem die Macht zu Kopf gestiegen war. Einer, der den Kontakt zum Volk verloren hatte, so weit weg liegt der Palast von den pulsierenden Straßen Ouagadougous, so fremd ist er, als wäre er ein Raumschiff, das zufällig hier gestrandet ist. In Ouaga 2000, in den repräsentativen Sälen der „Maison de la Banquette“ sind Hunderte Menschen zusammengekommen, um das „Dokument zur Reform der Justiz“ zu besiegeln.

Tagelang haben Männer und Frauen, Anwälte, Richter, Politiker, Studenten, nach dem Sturz Compaorés um Formulierungen in diesem Dokument gerungen, das den Abschied von der Vergangenheit markieren soll. Jetzt liegt es auf großer Bühne zur Unterschrift bereit. Der Übergangspräsident des Landes ist gekommen, die Regierung, eine ganze Reihe von Botschaftern. Der Saal ist voll. Punkt für Punkt wird verlesen, Paragraf für Paragraf. Alles, was eine funktionierende Justiz in einer Demokratie braucht, ist in dem Pakt festgeschrieben: Gewaltenteilung, Unabhängigkeit, Transparenz, Überparteilichkeit. Schließlich unterschreibt der Präsident und hält das Dokument unter Blitzlichtgewitter der Presse und heftigem Applaus in die Höhe. Es ist alles sorgfältig inszeniert, denn das Volk soll wissen, dass das Land auf dem richtigen Weg ist und mit der Vergangenheit gebrochen hat.

Aber hat man das wirklich?

Blaise Compaoré war mithilfe Frankreichs im Oktober 2014 gerade noch rechtzeitig außer Landes geflüchtet, er sitzt jetzt in der benachbarten Elfenbeinküste und gibt keine Ruhe. In Burkina Faso hat er immer noch viele Marionetten, an deren Fäden er ziehen kann. Sein Störpotenzial ist hoch, solange er selbst nicht für seine Untaten zur Verantwortung gezogen wird. Die allermeisten Burkinabe fordern daher, dass Blaise in Burkina Faso vor Gericht gestellt wird. Nur wenn die Verbrechen seines Regimes aufgearbeitet werden, könne es einen Neuanfang geben. Deshalb verlangten viele Teilnehmer der Konferenz zur Reform der Justiz, dass der Paragraf über die Amnestie aus dem Gesetzbuch gestrichen werde. Diese Hintertür sollte für Blaise geschlossen werden. Doch das blieb eine Forderung, ein Wunsch. In dem „Dokument zur Reform der Justiz“, diesem Pakt für einen Neubeginn, ist von der Abschaffung des Amnestieparagrafen nicht die Rede.

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Ulrich Ladurner

Von http://www.zeit.de/2015/16/burkina-faso-jugend-revolution/komplettansicht

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