Ziegler in Deutschlandfunk

 

Jean Ziegler : Der Schweizer Soziologieprofessor und Politiker ist auch der UNO-onderberichterstatter in Länder, die von Hunger betroffen sind. Jean Zigler hat Thomas Sankara gekannt, hatte persönlichen Kontakt mit ihm gehabt. Sie hatten mehrere Interviews zusammen geführt und er ist von seiner Politik und seiner Ideologie beeindruckt…J

Das erste Mal, als ich seine Stimme hörte, das war Weihnachten 1983. Bei mir zu Hause klingelte das Telefon. “Ici le capitain Sankara”, hier der Hauptmann Sankara. Ich hatte nie von ihm gehört und er sagte mir: “Im Gefängnis habe ich Ihr Buch ,Die Soziologie des neuen Afrikas` gelesen. Ich muss Sie sehen, wir müssen reden, kommen Sie nach Ouagadougou.” Und dann hab ich gesagt, “es ist Weihnachten, ich bin bei mir zu Hause, und hab einen kleinen Sohn und meine Frau.” “Dann bringen sie die mit, die sollen auch diskutieren.” Und dann sind wir gegangen. Dieser Wille die Welt zu erkennen, die Welt zu verstehen und auch das Selbstvertrauen, das er in sich selbst hatte und aus ihm einen unglaublich toleranten, weitsichtigen und viel gebildeten Autodidakten gemacht hat.

Das französische neokoloniale System in Afrika ist total intakt. Sankara hat den Bruch versucht. … Sich mit dem neokolonialen System, dem staatlichen, dem militärischen, aber vor allem den riesigen Finanz-Interessen sich anzulegen, das ist lebensgefährlich.

Er konnte die westliche Arroganz, die neokoloniale Unterwerfung nicht ertragen, fast physisch nicht ertragen, er konnte die Erniedrigung der Frauen, also die Prostitution die in diesen Regionen sehr gefördert wird, nicht ertragen auch die Excision konnte er nicht ertragen, die Beschneidung der Frauen, das war eine physische Ablehnung, eine Entrüstung. Er war total für den Bruch jedes Ethnozentrismus, die Gleichheit aller Menschen, aus welcher Kultur sie auch kommen, das waren die ontologischen Grundwerte von Sankara. Sankara war konstituiert durch diese Werte. Sankara hat den Walker, den amerikanischen Botschafterin Ouagadougou, aus seinem Büro geworfen, als ihm Walker gedroht hat. So ein Mann war Sankara, total in der Unabhängigkeit, total in der Würde und Souveränität, und im Moment wo er gestorben war, war dieses bitterarme Land Burkina autonom, war selbst versorgend, was die Grundnahrungsmittel, Hirse, Gemüse usw. angeht. Das hat er in vier Jahren erreicht. Er hat den Staatsapparat auf die Hälfte reduziert. Hat die Dezentralisiation in 8 Regionen geschaffen, hat die Basisdemokratie geschaffen.

Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, das war 4 Wochen vor seinem physischen Tod, da war er großartig, klug, wie frapide, wie er immer wollte in die Sozialistische Internationale eintreten. Ich habe einen Brief von ihm mitgenommen für Willy Brandt übrigens, Willy Brandt wollte den Thomas Sankara kennenlernen. Das wäre ja auch zustande gekommen. Er war total rational, hat begriffen, dass er Allianzen finden müsse jenseits Afrikas. Ich glaube überhaupt nicht, dass Sankara irgendwie die Bodenhaftung verloren hätte in den letzten Monaten seines Lebens durch die Einsamkeit, durch den Verrat, der ihn umgeben hat.

Wenn Campaore zum Mörder geworden ist, wenn jemand die Hand von Campaore gelenkt hat, dann waren es sicher die französischen Geheimdienste.

Dieser Blaise Compaore wurde ferngesteuert, ist zum Mörder an seinem Freund Thomas Sankara geworden. Campaore ist heute immer noch Staatschef von Burkina Faso. Inzwischen schwerreich, total korrupt und immer noch an der Macht wegen seiner brutalen Repression gegen jede Opposition. Er hat ein neues Bewusstsein geschafft und deshalb hat er eine so unglaubliche Ausstrahlungskraft gehabt, in Mali, in Togo in Elfenbeinküste, Senegal, in der ganzen Region. Diese Ausstrahlung, die war tödlich, gefährlich für die neokolonialen Herren dieser Region und auch für die Söldner, die in den Präsidentschaftspalästen gesessen sind und leider immer noch sitzen.

Sendung:Dienstag, 09.10.2007

 

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