von Isabel Pfaff

Süddeutsche Zeitung Nr. 210, Samstag/Sonntag, 12./13. September 2015

Der Platz sieht nach Wut aus. Verkohlte Autogerippe, ein Teppich aus Schutt und Scherben, die rußige Ruine eines Flachbaus. Und mitten in diesen Trümmern wird getanzt. Scheinwerfer tauchen die beiden Männer auf der Bühne in rotes Licht, ihre Mikros, ihre Fäuste in der Luft. Vor ihnen wogt die Menge, die Gesichter glänzen.

Es ist kein normales Konzert, das die Musiker hier geben. Die Bühne steht im Regierungsviertel von Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, und die Ruine war einmal das Parlament. Die Musiker, das Publikum: Sie feiern ihre Revolution. Vor wenigen Monaten, im Herbst 2014, haben sie mit ihrem Protest einen Diktator gestürzt, der das Land

27 Jahre lang regiert hatte. In ihrer Wut steckten die Demonstranten die Assemblée Nationale in Brand. Seither befindet sich Burkina Faso im Aufbruch: Es ist die Hoffnung auf einen Neuanfang, der die jungen Leute heute vor der Ruine ihres Parlaments tanzen lässt. Auf der Bühne hämmern die beiden Musiker immer wieder den einen Namen in ihre Mikros: „Capitaine – Noël – Isidore – Thomas – Sankara“. Der Mann, von dem sie rappen, ist bald 30 Jahre tot. Und doch hat er diese Revolution inspiriert. Er lächelt von etlichen T-Shirts und Plakaten, ständig ruft jemand auf der Bühne oder im Publikum seine Devise: „La patrie ou la mort, nous vaincrons“ – Vaterland oder Tod, wir werden siegen.

Thomas Sankara, ein junger Offizier, war vier Jahre lang Präsident Burkina Fasos, von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987. Er gab dem Land am südlichen Sahararand seinen heutigen Namen, weckte neuen Stolz in den Bewohnern. Er wollte Afrika befreien, es unabhängig machen vom ständigen Einfluss der ehemaligen Kolonialmächte. In Burkina Faso gelang es ihm, für kurze Zeit. Und so wurde aus ihm eine Art zweiter Che Guevara, eine Ikone der afrikanischen Befreiungsbewegung.

Sankara kam bei einem Putsch ums Leben. Die Macht übernahm ausgerechnet sein Stellvertreter und Freund Blaise Compaoré – von 1987 bis im Oktober 2014. Als Compaoré versuchte, mit einem Verfassungstrick noch länger an der Macht zu bleiben, hatte das Volk genug. Demonstranten fluteten die Straßen, auf ihren Plakaten Sankaras Konterfei. Compaoré gab schließlich auf und setzte sich ins Ausland ab – gestürzt von den Ideen eines Toten.

Die beiden Rapper auf der Bühne gehören zu jenen, denen Sankaras Visionen nie aus dem Kopf gegangen sind. Der eine ist Didier Awadi, ein erklärter Sankarist aus Senegal, der beim demokratischen Machtwechsel 2012 in Dakar mithalf. Der andere ist Smockey, Hip-Hop-Musiker aus Burkina Faso und Mitbegründer des „Balai Citoyen“, jener Aktivistengruppe, die den Protest gegen Compaoré anführte.

Zusammen singen sie ihre Hommage an Sankara. „Ein Revolutionär, getötet von einem falschen Bruder“, rappt Smockey. „Einer, der es wagte, die Zukunft zu erfinden“, rappt Awadi.

Seit dem Volksaufstand in Burkina Faso macht der Begriff des „Afrikanischen Frühlings“ die Runde. Smockey und seine Mitstreiter vom Balai Citoyen tauschen sich inzwischen mit Aktivisten in anderen Ländern aus. Im Kongo und in Burundi wagten junge Menschen ähnliche Proteste, wenn auch bisher ohne Erfolg. Fast 30 Jahre nach seinem Tod inspiriert Sankara Afrikas Jugend noch immer. Was hat er mit diesem Kontinent gemacht, dass junge Leute heute dort weitermachen wollen, wo er aufhören musste?

Für mich ist Sankara einer der größten Unabhängigkeitskämpfer Afrikas“, sagt Smockey nach dem Konzert. Der 43-jährige Musiker und Aktivist redet schnell, er hat nicht viel Zeit, seit dem Umsturz ist er ein gefragter Mann. Er war elf Jahre alt, als Sankara an die Macht kam. Damals hieß das Land noch so, wie Frankreich die Gegend einst genannt hatte: Obervolta. Sankara erfand den Namen Burkina Faso, eine Wortschöpfung aus den beiden größten Sprachen des Landes, Dyula und Mooré, die „Land der Aufrechten“ bedeutet. Seither nennen sich die Bewohner Burkinabe – die Aufrechten, die Integren. Und straffen bis heute die Schultern, wenn sie über ihr Land sprechen.

Smockey, der mit bürgerlichem Namen Serge Bambara heißt, schwärmt von dem jungen, ungeduldigen Mann, der da plötzlich die Geschicke des Landes lenkte. „Er war 33, einer der jüngsten afrikanischen Präsidenten“, sagt der Rapper. Die ganze Gesellschaft habe Sankara revolutioniert: Politik, Wirtschaft, Bildung, Kunst. „Er war Musiker wie ich, spielte Gitarre. Nie wieder kamen so viele ausländische Künstler nach Burkina Faso wie zu seiner Zeit.“ Thomas Sankara war ein Gegenentwurf zu den alten Männern, die die meisten anderen Staaten des Kontinents damals regierten. Er trat nur in Uniform oder in Sportklamotten auf, fuhr mit dem Rennrad ins Büro und spielte einmal pro Woche mit seinem Kabinett öffentlich Fußball. Dieser ungestüme Typ begeisterte die Jugend.

Es gibt Filmaufnahmen von seinen Reden, sie zeigen einen schlanken, gut aussehenden Mann mit wachen Augen und Segelohren. Sankara hatte Charisma, und er nutzte es für einen radikalen politischen Kurs. Mit strahlendem Lächeln konnte er Forderungen vortragen, die den Westen auch heute noch aufschrecken würden. Die Schulden afrikanischer Staaten im Westen etwa betrachtete Sankara als nicht legitim, er rief dazu auf, sie zu ignorieren, verwies auf die koloniale Ausbeutung durch Europa. Er wurde als Störenfried wahrgenommen, als „einer, der einem den Schlaf raubt“, wie Frankreichs Präsident Mitterrand einmal öffentlich zu ihm sagte.

Der junge Präsident wollte sein Land aus eigener Kraft voranbringen. Er motivierte die Bevölkerung dazu, 105 Kilometer Eisenbahnschienen in Handarbeit zu verlegen, ließ Millionen Bäume gegen das Voranschreiten der Wüste pflanzen, baute Dämme und Bewässerungskanäle. Die landwirtschaftliche Produktion in Burkina Faso wuchs zwischen 1983 und 1986 um 75 Prozent; immer mehr Burkinabe konnten von dem leben, was im Land produziert wurde. „Thomas Sankara hat gezeigt, dass Burkina Faso autark sein kann“, sagt Smockey.

Das oberste Ziel Sankaras war die Stärkung der Landbevölkerung, der großen Mehrheit der Burkinabe. In seiner Regierungszeit entstanden Dorfkliniken und Gemeindezentren, mobile Gesundheitsteams impften 1984 in zwei Wochen mehr als zwei Millionen Kinder, 1986 lernten 35 000 Dorfbewohner in drei Monaten lesen und schreiben.

Die Verehrung Sankaras beruht jedoch nicht zuletzt auf einer Eigenschaft, die selten ist unter den Eliten des Kontinents: Er war integer. Er besaß nicht viel, schickte seine beiden Söhne auf öffentliche Schulen, seine Frau arbeitete auch als First Lady weiter in der burkinischen Transportbehörde. „Man kann vieles über Sankara sagen“, sagt Smockey, „dass er verrückt war, oder dass er zu viel in zu kurzer Zeit wollte“. Doch niemand könne ihm vorwerfen, er habe sich bereichert.

Sankaras Elternhaus im Stadtteil Paspanga, unweit vom Regierungsviertel, steht heute in etwa so da wie vor 30 Jahren. Eine Lehmmauer umschließt das einstöckige Gebäude, über ein blaues Stahltor gelangt man in den Innenhof. Unter dem Mangobaum sitzt ein Mann, der Sankara zum Verwechseln ähnlich sieht. Die gleichen Segelohren, der gleiche große Mund, nur deutlich älter. Es ist Valentin, Sankaras Bruder. Nach dem Tod der Eltern ist der stille Mann mit seiner Familie in das Haus gezogen.

Das Reden übernimmt seine zweitjüngste Schwester. Blandine Sankara sitzt neben Valentin auf einem Plastikstuhl, er nickt immer wieder, während sie spricht. „Insgesamt waren wir elf Kinder, Thomas war der Zweitgeborene.“ Dann erzählt Blandine von Thomas’ Kindheit, als Burkina Faso noch Kolonie war. Die Kinder wuchsen in einem Camp auf, wo der Vater den französischen Kolonialherren als Gendarm diente. „Das Politische hat Thomas nicht von den Eltern. Es war die Ungerechtigkeit, die er täglich sah, das Verhalten der Kolonisatoren“, sagt Blandine. In der Familie kursiert die Geschichte, dass Sankara als Elfjähriger die französische Flagge des Camps herunterholte und stattdessen die von Obervolta hisste. Vollends politisiert wurde er als junger Soldat. Er nahm an einer militärischen Ausbildung auf Madagaskar teil, einige der Dozenten waren Marxisten. 1973 kehrte er nach Obervolta zurück, wurde Chef eines Truppenausbildungszentrums. Parallel sammelte er Gleichgesinnte um sich, gründete geheime marxistische Zirkel. In dieser Zeit lernt er Blaise Compaoré kennen: ein junger Soldat wie er, der seine politische Auffassungen teilt. Sie werden enge Freunde.

Anfang der Achtziger putscht das Militär zweimal, jedes Mal versuchen die neuen Herrscher, den populären Sankara in die Regierung zu holen. Er wird Minister, dann sogar Premier. Doch beide Male überwirft er sich mit dem Staatschef, weil er den Kurs der Regierung missbilligt, beim zweiten Mal wird er sogar verhaftet. Schüler und Studenten strömen auf die Straßen, um für seine Freilassung zu demonstrieren; gleichzeitig bereitet Blaise Compaoré mit militärischen und zivilen Gleichgesinnten einen Putsch vor. Er gelingt, ohne Blutvergießen. Am 4. August 1983 wird Sankara befreit und neuer Präsident Burkina Fasos. Sein Rückhalt in der Bevölkerung ist groß, in Ouagadougou feiern Tausende seine Machtübernahme. Sie gilt fortan als Revolution.

Obwohl ihr Sohn nun Staatschef ist, verändert sich in Paspanga nicht viel. So oft er kann, besucht Sankara seine Eltern und die Geschwister zum Abendessen, man redet über die Revolution, was die Leute darüber denken. Sein Kurs ist nicht unumstritten. Er will sein Land auf komplett neue Füße stellen, und oft tut er das mit Zwang. Zwar gibt es Möglichkeiten der Partizipation, überall im Land entstehen gewählte Revolutionskomitees. Doch der Nationale Revolutionsrat (CNR), das mächtigste Gremium im Staat, unterliegt keiner demokratischen Kontrolle. Im CNR sitzen neben Sankara und Compaoré all jene Militärs und Politiker, die die Revolution 1983 mit anführten. Kritik an dem Gremium ist erlaubt, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Einige Gewerkschaften lässt der CNR zeitweise verbieten, streikende Lehrer werden entlassen, mehrmals landen Kritiker im Gefängnis. Im Jahr seines Todes räumt Sankara öffentlich Fehler ein. Doch er kommt nicht mehr dazu, den Kurs zu korrigieren.

Mit seiner Politik der Umverteilung tritt Sankara nämlich auch vielen im Regierungsapparat auf die Füße. Er beschneidet massiv die Privilegien der urbanen Oberschicht; von Ministern, Beamten, Geschäftsleuten. Regierungsmitglieder – auch er selbst – fahren kleine Renaults 5 statt pompöser Dienstwagen, Beamte und Soldaten müssen neben ihren üblichen Aufgaben auch Gemeinschaftsarbeiten verrichten. Zudem isoliert Sankaras außenpolitischer Kurs Burkina Faso. Er nimmt die Blockfreiheit ernst, verbittet sich jede Einmischung, egal ob von Ost, West oder von Afrikas Möchtegern-Schutzmacht Libyen. Die Unzufriedenen im In- und Ausland sammeln sich ausgerechnet hinter Blaise Compaoré. Er ist immer öfter anderer Meinung als Sankara, es kommt zum Bruch zwischen den einst engen Freunden. Als Compaorés Name fällt, wird Blandine Sankaras Stimme bitter. „Blaise ging hier ein und aus“, sagt sie, die Eltern hätten ihn als Sohn betrachtet. „Thomas und Blaise waren für uns wie Brüder. Wir haben nicht erwartet, dass der eine ermordet wird und der andere dann Präsident wird.“

An einem Oktobertag im Jahr 1987 stürmt ein Trupp Soldaten die Sitzungsrunde, die Sankara gerade eröffnet hat, sie erschießen den Präsidenten und zwölf seiner Mitstreiter. Die Täter stammen nachweislich aus Compaorés Lager. Der behauptet später, nichts von den Mordplänen seiner Männer gewusst zu haben. Bis heute kann niemand mit Sicherheit sagen, wer bei dem Attentat die Strippen zog. Viele Burkinabe beschuldigen neben Compaoré auch Frankreich, dessen Großmachtpolitik in Westafrika Sankara immer kritisiert hatte. Fest steht, dass Compaoré sofort Sankaras Platz einnahm, ihn als Revolutionsverräter bezeichnete und jegliche Untersuchung der 13 Morde verhinderte.

Zu Sankaras Familie nach Paspanga kam Compaoré nie wieder. Stattdessen machte er das meiste rückgängig, was sein einstiger Freund initiiert hatte. Er wandte sich wieder Frankreich zu, liberalisierte die Wirtschaft und etablierte eine Art Fassadendemokratie. Die ökonomischen und sozialen Errungenschaften von Sankaras Präsidentschaft gingen verloren: Das Land gehört heute wieder zu den ärmsten der Welt, ist abhängig von Entwicklungshilfe und Importen, die Elite soll sich hemmungslos bereichert haben. Mehrmals erschütterten Massenproteste Compaorés Herrschaft. Doch erst im vergangenen Herbst holte ihn seine Vergangenheit ein.

Thomas hat die Gedanken der Burkinabé nie wirklich verlassen“, sagt Smockey, der Musiker. Doch die Erben dieses afrikanischen Che sind nicht naiv. „Sankara hat Fehler gemacht“, sagt Smockey. Der Umgang mit Kritikern, die Macht des Militärs: Das wolle man nicht wiederholen. „Durch Thomas Sankara haben wir die Grenzen vieler Ideen kennengelernt. Davon ausgehend können wir sein Gesellschaftsprojekt jetzt fortsetzen.“ In wenigen Wochen, am 11. Oktober, soll neu gewählt werden, bis dahin lenkt eine Übergangsregierung das Land. Die Aktivisten um Smockey wollen den neuen Herrschern auf die Finger schauen und Sankaras Ideen wieder auf die Agenda bringen – in Burkina Faso und darüber hinaus. Sankaras Traum von echter Unabhängigkeit ist zu einem wichtigen Referenzpunkt für junge Afrikaner geworden.

Mit Compaorés Sturz hat auch die Suche nach der Wahrheit begonnen. Die burkinische Justiz untersucht jetzt die Todesumstände des legendären Präsidenten, im März haben die Abgeordneten des Übergangsparlaments beschlossen, Sankaras Grab zu öffnen. Viele bezweifeln, dass ihn seine Mörder wirklich auf dem unscheinbaren Friedhof von Dagnoën, im Osten Ouagadougous, verscharrt haben.

Im Mai wurden Sankaras mutmaßliche Überreste ausgegraben, auch die umliegenden Gräber seiner zwölf Gefährten wurden geöffnet. Ein DNA-Test soll die Identität der Toten feststellen, noch dauert die Untersuchung an. Am Eingang des Friedhofs, gestoppt von Polizisten, haben sich am Tag der Exhumierung ein paar Hundert Menschen versammelt. Mit den Fäusten in der Luft rufen einige von ihnen: „La patrie ou la mort, nous vaincrons.“

von Isabel Pfaff

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