Katrin Gänsler

am 38. August 2015 veröffentlicht auf http://www.dw.com

Er starb, als die meisten noch gar nicht auf der Welt waren. Trotzdem verehren viele junge Burkinabé den einstigen Machthaber Thomas Sankara und wollen ihm sogar eine Begegnungsstätte widmen.

Der Kies knirscht unter den Füßen von Serge Bayala. Nach einer Operation stützt er sich noch auf zwei Krücken und stakst vorsichtig über den großen, leeren Platz. Es ist Regenzeit in Burkina Faso, und überall stehen große Pfützen. Ein paar Jungs stören sich nicht daran und spielen trotzdem Fußball. Nach einigen Metern bleibt der 23-Jährige stehen und blickt sich fast liebevoll um. Dabei wirkt die unbebaute Fläche in Dagnoen, einem Stadtteil von Ouagadougou, auf den ersten Blick völlig unspektakulär.

Bekannt ist das Viertel ohnehin nur, weil gleich nebenan der Friedhof ist, auf dem Revolutionär Thomas Sankara begraben wurde. Um die Erinnerung an sein Idol lebendig zu halten, hat Serge Bayala zusammen mit Freunden eine Initiative gegründet. Hier, auf dem großen, leeren Platz in Dagnoen, wollen sie das “Zentrum Thomas Sankara” erbauen. “Wenn man einen Präsidenten hatte, der das Land so positiv beeinflusst hat, dann ist es selbstverständlich, einen Ort zu schaffen, um ihm zu gedenken”, so Serge Bayala.

Viele Ideen, aber kein Geld

Um die Ideen, die er und die Initiative für das Zentrum haben, zu verdeutlichen, holt Serge Bayala seinen Laptop hervor. Er öffnet die Facebook-Seite und zeigt anhand einer Luftaufnahme, welches Gebäude wo gebaut werden könnte. Die Initiative hätte gerne ein Amphitheater, eine Bibliothek und sogar einen kleinen Sportplatz.
Burkina Faso Die Initiative hat viele Ideen für die große Fläche in Ouagadougou Foto: Katrin Gänsler

Serge Bayala und seine Initiative haben große Pläne für die Brachfläche

Ein gravierendes Problem gibt es allerdings: Geld haben die jungen Leute keins und besitzen nicht einmal das Gelände. Doch sie sind optimistisch, denn die Unterstützung im Viertel ist ihren Angaben zufolge groß – ganz gleich, ob von lokalen Politikern oder Bewohnern. “Wir leben direkt gegenüber”, sagt Anwohnerin Rosine Tapsoba, die kürzlich sogar Mitglied der Initiative geworden ist, “Das Zentrum wird uns allen in Zukunft nützlich sein”. Schließlich dürfte es das Viertel aufwerten. Die Initiative überlegt beispielsweise, regelmäßig Konzerte zu veranstalten.

Wenig Wissen über Sankaras Leben

Sankara, der von 1983 bis zu seiner Ermordung am 15. Oktober 1987 Präsident von Burkina Faso war, hat es der jungen Frau angetan – wie so vielen jungen Menschen in dem Land. Er wird als jemand dargestellt, der moderat war und sich nicht wie andere Präsidenten ständig bereichern wollte. Auch kritisierte der Sozialist europäische Politiker öffentlich. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Politikern auf dem Kontinent und macht ihn gerade bei jungen Erwachsenen attraktiv.
Thomas Sankara Foto: AFP +++(c) dpa – Report+++

Thomas Sankara wird von Vielen als Volksheld verehrt

Trotzdem antwortet Rosine Tapsoba ein wenig ausweichend auf die Frage, was den Revolutionär so besonders mache. “Viele sagen über ihn, dass er den Frauen sehr geholfen habe. Ich selbst habe Sankara ja gar nicht gekannt.”

Wie Rosine Tapsoba reagieren viele junge Burkinabé. Sie bezeichnen sich zwar als glühende Anhänger und nennen sich sogar Sankaristen. Doch Details aus dem Leben ihres Helden werden nicht näher thematisiert. So kam der Offizier beispielsweise durch einen Staatsstreich an die Macht und nicht durch eine demokratische Wahl. Auch die Frage, ob sich der von Sankara propagierte Sozialismus heute noch aktuell ist, wird nicht analysiert.

Angst vor Folter unter Compaoré

Viele ältere Menschen winken ab, wenn man sie nach dem einstigen Präsidenten fragt. “Die Erwachsenen haben ihn entmystifiziert”, versucht es Serge Bayala mit einer Erklärung. Grund sei nicht Sankara selbst, sondern der Umgang mit ihm. “Wenn man früher auch nur den Namen Thomas Sankara in einem bestimmten Umfeld ausgesprochen hat, musste man mit Folter, mit Gewalt rechnen. Das haben die älteren Menschen noch immer im Kopf.”

1987 putsche Blaise Compaoré Sankara aus dem Amt, bei einem Schusswechsel zwischen Putschisten und Leibgarde starb Sankara. Compaoré regierte Burkina Faso 27 Jahre lang mit harter Hand – bis das Volk ihn vor knapp einem Jahr aus dem Amt jagte. Seitdem regiert eine Übergangsregierung das Land. 28 Jahre nach seinem Tod werden nun endlich die Umstände von Sankaras Ermordung untersucht.

Sankaristen-Partei setzt auf die Jugend

Die Alten, die sich an die Machtübernahme durch Compaoré noch erinnern können, werden in Burkina Faso zu einer Minderheit. Heute sind mehr als 65 Prozent der rund 19 Millionen Einwohner unter 25. Das könnte nun der Sankaristen-Partei “Vereinigung für die Wiedergeburt” bei den bevorstehenden Wahlen am 11. Oktober helfen.
Bénéwendé Stanislas Sankara Foto: Katrin Gänsler

Bénéwendé Stanislas Sankara könnte die Sankara-Euphorie mehr Wählerstimmen bringen

Die Partei will das politische Erbe von Thomas Sankara weiterleben, ihm gilt die “Wiedergeburt” in ihrem Namen. Nennenswerte Wahlerfolge hatte die Partei zwar bisher nicht. Jetzt könnten das die Jungwähler und Sankara-Sympathisanten aber ändern. Schließlich ist der “Che Guevara Afrikas”, wie viele ihn nennen, so beliebt und bedeutend wie schon lange nicht mehr. “Er bleibt für uns ein Symbol für die Entwicklung, für die Gerechtigkeit, den Fortschritt und den Kampf gegen die Armut”, sagt der Parteivorsitzende Bénéwendé Stanislas Sankara, der mit seinem großen Vorbild nicht verwandt ist. “Man hat gesagt: Sankara ist der Präsident der Armen.”

Eine Garantie, dass die Jungen im Oktober die Sankaristen wählen, hat der Parteivorsitzende aber nicht. In Dagnoen spricht sich auch Serge Bayala nicht für eine Partei aus, der er in wenigen Wochen seine Stimme geben wird. Lieber betrachtet er noch einmal das Luftbild des großen Areals und hofft auf einen schnellen Baubeginn des Sankara-Zentrums.

Katrin Gänsler

Von http://www.dw.com

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